Die subklinische Schilddrüsenunterfunktion beim Hund

Eine kritische Betrachtungsweise zur Substitution mit Hormonersatzmedikamenten

Immer häufiger diagnostizieren Tierärzte und Hundetrainer eine subklinische Schilddrüsenunterfunktion bei Hunden in den verschiedensten Altersstufen und Rassen. Der Fachbegriff für die Schilddrüsenunterfunktion (SDU) lautet „Hypothyreose“ und geht unter anderem mit folgenden klassischen Symptomen einher: Trägheit, Müdigkeit, Gewichtszunahme, Fellverlust, trockene Haut, Schuppen, Muskelschwäche, Lahmheiten sowie Durchfall und/oder Verstopfung. Bei der angeborenen Form, die nur sehr selten auftritt, zeigen die betroffenen Hunde die meisten dieser genannten körperlichen Symptome und eine Hormongabe ist in diesen Fällen sinnvoll. Auch bei seltenen Tumorerkrankungen der Schilddrüse kann die Gabe von T4 und T3 notwendig sein.

 

In diesem Artikel wird jedoch die subklinische Form thematisiert. Es sind dabei vor allem verhaltensauffällige Hunde betroffen, die mit Schilddrüsenersatzhormonen (z. B. Forthyron) behandelt werden. Diese Hunde zeigen häufig keine körperlichen Symptome. Über den Sinn und Unsinn dieser Vorgehensweise wird im Folgenden genauer eingegangen, denn eine Veränderung des Blickwinkels ist dringend notwendig. Anmerkung: Die vorliegende Meinung ist ein Erfahrungswert aus Praxisfällen sowie der eingehenden Beschäftigung mit Fachliteratur aus Naturheilkunde und Schulmedizin.

 

Symptombekämpfung statt Ursachenforschung

Es fällt auf, dass einige Hundetrainer bei „schwierigen Hunden“ mit Verhaltensauffälligkeiten gerne zur Kontrolle der Schilddrüsenwerte (T4, T3, TSH, ft3, ft4) durch ein großes Schilddrüsenprofil raten. Sind in den Blutergebnissen dann zum Beispiel T4 und TSH erniedrigt, wird die Gabe von Schilddrüsenersatzhormonen empfohlen. Bei der subklinischen Form ist die Schilddrüse ursächlich jedoch nicht erkrankt, das heißt, hier soll ein eigentlich gesundes Organ nun mit künstlichen Hormonen behandelt werden. Laut Blutbild werden allerdings tatsächlich zu wenig Schilddrüsenhormone produziert und es soll nun geklärt werden, welche möglichen Gründe es dafür geben kann. Dabei wird in diesem Artikel nicht allein die Schilddrüse betrachtet, sondern das Körpersystem als GANZES. Verschiedene innere (seelische) und äußere (umweltbedingte) Einflüsse werden als mögliche Krankheitsauslöser betrachtet, so auch bei Schilddrüsenstörungen.

 

Mögliche innere Auslöser für niedrige Schilddrüsenwerte können sein:

□   Stress im Alltag und seelische Belastungen

□   Traumatische Erlebnisse (z. B. Verlust, Sterbefall, ein Umzug)

□   Verhaltensauffälligkeiten (z. B. Ängste, Aggression, nicht alleine bleiben können, hysterisches Bellen und mehr)

□   Reizbarkeit und Unruhe

□   Schlafstörungen und Konzentrationsschwäche

□   Hormonelle Veränderungen (z. B. Pubertät, Läufigkeit, Scheinträchtigkeit)

 

Mögliche äußere Auslöser für niedrige Schilddrüsenwerte können sein:

□   Quecksilber und Schwermetalle (z. B. enthalten in Impfungen)

□   Falsches Futter (z. B. Getreide, Mais, Soja, minderwertiges Fleisch und mehr)

□   Calcium- und Jodmangel sowie Zink-, Selen- oder Vitamin-B-Mangel

□   Schimmelpilzsporen im Futter und/oder im Wohnraum (können toxisch wirken)

□   Pestizide (z. B. in chemischen Anti-Floh- und Zeckenmitteln)

 

Jeder betroffene Hundehalter sollte sich ehrlich die Frage stellen, welche Punkte wahrscheinlich auf seinen Hund zutreffen! Daraus ergeben sich erste Hinweise, warum die Schilddrüsenwerte im niedrigen Bereich sein können.

Wichtig: Sowohl äußere als auch innere Auslöser haben gemeinsam, dass diese Stress auslösen, das Immunsystem schwächen und als Folge die Schilddrüse aus ihrem Gleichgewicht geraten kann. 

 

Stress und Schilddrüse

Es ist medizinisch bereits erwiesen, dass Stresshormone wie Adrenalin und Cortisol (nicht zu verwechseln mit Cortison) die Umwandlung von T4 zu T3 unterbrechen können, was zu niedrigen Referenzwerten von zum Beispiel ft3 im Blut führt. Unruhe, Verhaltensauffälligkeiten, Ängste und Reizbarkeit haben ebenfalls stressbedingte Auswirkungen auf den Körper und somit auch auf die Schilddrüse. Es bräuchte dutzende Blutuntersuchungen, um einen aussagekräftigen Durchschnittswert der Schilddrüsenhormone zu bestimmen. Eine einzige Schilddrüsenuntersuchung kann nicht aussagekräftig sein, da die Hormonwerte erheblich im Tagesverlauf und bei akuter Stressbelastung schwanken, vor allem in der Praxis bei der Blutentnahme. Bei chronisch gestressten Hunden kann ein dauerhaft erhöhter Cortisolspiegel deshalb niedrige Schilddrüsenwerte liefern. Hier liegen also bereits grundlegende Fehler in der herkömmlichen Interpretation der Blutwerte vor. Und immer mehr „Hibbelhunde“ werden leider zu schnell mit der Diagnose Hypothyreose abgestempelt. Auch scheinen manche Hundetrainer schlichtweg überfordert mit anstrengenden Hunden (und ihren Menschen), was keinesfalls eine Gabe von Tabletten zur Folge haben sollte.

 

Wie es üblicherweise weitergeht

Nach ungefähr vier Wochen Substitution mit Tabletten soll laut Empfehlung wieder ein Bluttest durchgeführt werden. Dabei wird tatsächlich meist ein erhöhter T4-Wert nachgewiesen (ist logisch, wenn man T4 über Tabletten zugibt!), doch eine Verbesserung des Hundeverhaltens bleibt oft aus. Außerdem sind vor allem die ft3-Werte unverändert im unteren Bereich und gerade dieser Wert soll angeblich zur gewünschten Verhaltensänderung führen. Mancher Hundehalter ist entsprechend irritiert, da man sich mehr erhofft hat. Dann kommt schon die nächste Theorie: Es heißt, der Hund hätte wohl eine Umwandlungsschwäche von T4 zu T3 und soll nun zusätzlich ein zweites Medikament (z. B. „Thybon“) einnehmen. Die Frage ist: Wo soll das hinführen? Hauptsache das Blutbild ist auf dem Papier in geordneten Bahnen? Dass sich vor allem die Pharmaunternehmen über die fleißigen Abnehmer von den (teuren) Medikamenten freuen, sollte ebenfalls mit in Betracht gezogen werden, das sei am Rande erwähnt. Übrigens gibt es Hunderassen, wie zum Beispiel Windhunde, bei denen es völlig normal und physiologisch ist, dass die Schilddrüsenwerte im unteren Referenzbereich liegen. Der aktuelle wissenschaftliche Stand ist, dass es insgesamt zu wenig detaillierte Erkenntnisse und Zusammenhänge im Hinblick auf "Hunde und Schilddrüse" gibt. Alleine aufgrund dieser Tatsache sollte man die gängige Vorgehensweise zur Substitution kritisch hinterfragen.

 

Muss das alles sein?

Es kann kaum wahr sein, dass so viele Hunde mit Medikamenten behandelt werden, anstatt nach den wirklichen Gründen für die Verhaltensauffälligkeiten zu suchen. In den meisten Fällen benötigen Hunde mit subklinischer SDU eine individuelle und sinnvoll gestaltete körperliche und mentale Auslastung, damit eine Verbesserung im Alltag überhaupt erst möglich werden kann. Denn leider fehlt es einigen Hunden an Bewegung und erfüllenden Aufgaben und so schleichen sich oftmals Verhaltensauffälligkeiten ein. Dabei ist es sehr wichtig, dass Hunde weder unterfordert noch überfordert werden. Und noch weitere wichtige Bausteine tragen dazu bei, dass Hunde in ihrer Familie gefestigter werden: Allen voran ist es der Mensch, der liebevolle und klare Grenzen aufzeigen sollte, damit sich ein Hund unter der souveränen Führung des Menschen endlich entspannen kann. Ein großes Thema ist hier sicherlich die richtige Körpersprache des Menschen, gegenseitiges Vertrauen sowie ein fairer Umgang mit dem Hund. Wer glaubt, dass bei einer subklinischen Schilddrüsenunterfunktion allein die Gabe von Schilddrüsenmedikamenten die (Verhaltens-) Probleme löst, liegt falsch.

 

Mögliche Nebenwirkungen durch eine Substitution werden leider vom Tierarzt oder Hundetrainer nur selten erwähnt. Durch die künstlich zugeführten Hormone kann die Schilddrüse dazu veranlasst werden, ihre körpereigene Produktion nach und nach einzustellen. Die Folge wäre eine lebenslange Gabe einer Hormonersatztherapie. Wer möchte das ernsthaft für sich und für sein Tier? Es gibt immerhin Tierärzte, die eine subklinische SDU nicht substituieren und davon deutlich abraten, was ich sehr erfreulich finde und ich in meinem Praxisalltag glücklicherweise auch schon erleben durfte (wenn auch in seltenen Einzelfällen).

 

"Ja, aber...!"

In der Regel wird versucht, jedes Argument für eine Substitution zu finden. Zu den möglichen Schilddrüsen-Antikörpern im Blutbild ist beispielsweise zu sagen, dass diese gerne als „Beweis“ für eine autoimmunreaktive Form herangezogen werden. Die Naturheilkunde kennt allerdings keine Autoimmunerkrankung, da ein Körper sich NIE selbst angreifen würde. Die nachgewiesenen Autoantikörper weisen lediglich auf eine Reaktion des Immunsystems hin, wie es auch bei vielen weiteren Vorgängen im Körper der Fall ist (nur wird darauf nicht explizit getestet!). Es ist also reine Auslegung, wie man diese Theorie interpretiert. Es sei noch gesagt, dass ein Organismus genau erkennt, dass ein Medikament wie Forthyron ein körperfremdes Hormon und künstlich erzeugt ist bzw. aus Schweineschilddrüsen hergestellt wird. Mögliche Erstreaktionen und anfängliche Verschlimmerungen mit der Gabe von Hormonersatzmedikamenten sind unter anderem genau darauf zurückzuführen, da die Hunde das Ersatzhormon nicht tolerieren und sich der Körper mit seinem Nervensystem dagegen wehrt. Deshalb werden auch manche Verhaltensauffälligkeiten anfänglich für eine bestimmte Phase schlimmer.

 

... und noch mehr Details

Auch ist wichtig, dass die Umwandlung von T4 zu T3 zusätzlich von der Leber durchgeführt wird. Liegt also eine vermutliche Konversionsschwäche von T4 zu T3 vor, steckt oft eine überlastete Leber dahinter. Vor allem die genannten äußeren Auslöser (siehe Aufzählung oben) sind dabei maßgebend. Hierdurch gerät ein zusätzlicher Mechanismus ins Rollen, denn ist die Leber überlastet, greift die Bauchspeicheldrüse unterstützend ein und fährt ihre Produktion hoch. Das kann in der Folge zu Durchfall und weichem Kot führen. Auch produzieren die Nebennieren anschließend vermehrt Steroidhormone (zusätzlich zu den oftmals schon im Übermaß vorhandenen Stresshormonen). Führt man also künstliches T4 über Medikamente hinzu, kann dieser Kreislauf starten und deshalb haben viele Hunde bei einer Substitution als Nebenwirkung Verdauungsbeschwerden. Diese Punkte werden leider weder von den meisten Tierärzten noch von Hundetrainern bedacht. 

 

Kurz zusammengefasst

Die medikamentöse Behandlung der subklinischen Schilddrüsenunterfunktion mit der Substitution von T4 und/oder T3 ist NICHT sinnvoll. Für viele Hunde gibt es Lösungswege und Möglichkeiten, die wahren Ursachen zu behandeln, was ein ganzheitliches Konzept sein sollte. Denn die Schilddrüse ist nur EIN Teil eines Gesamtsystems. In erster Linie geht es darum, Stress auf allen Ebenen abzubauen. Dann kann sich der Gesamtorganismus wieder erholen und die Schilddrüsenwerte können sich auf ein normales Level einpendeln – ohne Medikamente. 

 

Mögliche Lösungsansätze:

□   Den Kalzium- und Jodgehalt in der Nahrung überprüfen

□   Trockenfutter meiden

□   Für eine artgerechte Ernährung sorgen, zum Beispiel mit frischem Futter (BARF)

□   Die zusätzliche Gabe von hochwertigen und natürlichen Nahrungsergänzungsmitteln

□   Individuelle Maßnahmen zur Stressreduzierung finden

□   Sinnvolle Beschäftigungsideen für jeden Hund sowie tägliche Bewegung je nach Alter und Gesundheitszustand

□   Die Schulung des Hundehalters, wie er seinem Hund im Alltag eine Führung auf fairer Basis vermitteln kann

 

Ein mögliches Ausschleichen der Schilddrüsenhormone sollte kontrolliert und langsam geschehen, um den Gesamtorganismus und z. B. die Leber zu schonen (diese muss die Medikamente nämlich entgiften). Der Zeitraum sollte auch von Fall zu Fall unterschiedlich gewählt werden, je nachdem, wie lange ein Hund bereits die Hormonersatztherapie bekommen hat.

 

In meiner Praxis empfehle ich bei einer subklinischen Schilddrüsenunterfunktion außerdem ausgewählte Vitamin- und Mineralstoffpräparate sowie eine homöopathische Begleitbehandlung. Da jeder Hund einzigartig ist, gibt es für mich nur eine sinnvolle Lösung: Die individuelle und ganzheitliche Therapie.